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Ü 50
gegründet von Seerose
am 02.02.2010
Allgemeine Themen für junggebliebene 50 er und drüber.

 
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Auslandserfahrung
Triestina schreibt:
Hallo alle zusammen, ist unter Euch jemand, der im Ausland lebt bzw. gelebt hat. Da ich seit nunmehr 30 Jahren mein Dasein sozusagen als Gastarbeiter friste (so wurde ich übrigens nur in der Schweiz betitelt), würde ich gerne wissen, welche Erfahrungen Ihr gemacht habt und wie Ihr als Deutsche aufgenommen wurdet. Ich habe überwiegend positive Erfahrungen gemacht, aber der Stempel der "Deutschen" und die damit verbundenen Stereotypen bleiben natürlich (den ausländischen Mitbürgern in Deutschland geht es sicher genauso). Die Italiener haben einen ganz entspannten Umgang mit uns "tedeschi" und einen Satz, der so und so interpretierbar ist, der es aber doch irgendwie auf den Punkt bringt: Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie schätzen sie nicht. Die Italiener dagegen schätzen die Deutschen, aber sie lieben sie nicht (ich glaube, diese Aussage stammt vom ehemaligen Bayern-Trainer Trappatoni, der hat ja so einiges von sich gegeben). Ich würde mich freuen, Eure Meinung und Erfahrung zu hören. LG Marianne

rilo schreibt:
Liebe Marianne! Ich habe 2 Jahre in Wien gelebt und hatte mehrere längere Aufenthalte in Frankreich, beides noch in Studentenzeiten. In Wien war ich am Dolmetschinstitut eingeschrieben und habe sozusagen beschützt im Schoße meiner dort lebenden Verwandten (meine Patentante hat 1945 einen Wiener geheiratet)in deren Haushalt mitgelebt und habe von daher natürlich nur Positives zu berichten. Da ich auch als Kind aufgrund einer Augenoperation dort ein Jahr verbracht hatte, fühlte ich mich sogar zeitweise als halbe Wienerin. Von Kommilitonen wurde ich schonmal scherzhaft mit "die Germanin" tituliert, ernsthaft Boshaftes oder Abwertendes ist mir nie begegnet. Und die Franzosen, naja, du weißt es sicher, da waren wir - insbesondere bei den Älteren - immernoch (aber ist ja jetzt auch 30 Jahre her) die "boches", was ja nun ein sehr abfälliger Begriff ist. Wirklich spüren lassen hat man es mich nicht, die 70er-Jahre waren doch aber auch eher von offenem und kosmopolitischem Geist geprägt und der Begriff "Fremdenfeindlichkeit" gehörte nicht zum alltäglichen Vokabular. Deine Wahlheimat, insbesondere Süditalien, kennen wir und vor allem die Familie meines Mannes nur von Urlaubsaufenthalten. Meine Schwiegereltern sind dort schon in den 60er-Jahren zum Campen hingefahren, 30 Jahre lang an denselben Ortund haben echte Freundschaften mit den dort lebenden Menschen geknüpft, meine Schwiegermama hat sogar Italienischsprachkurse besucht. Eine Zeitlang sind wir dann auch gemeinsam dorthin gefahren und wir waren gleich "amici" und wurden an einem Riiiiiiiiesentisch mit den feinsten Sachen bewirtet. Ich kann dann noch von meiner Schwester mit Familie berichten, die letztens erst von ihrem 2,5-jährigen Aufenthalt aus den USA wieder zurückgekehrt ist. Sie haben den Aufenthalt sehr genossen, die beiden Mädchen sprechen nun perfekt englisch, sie sind aber alle froh, wieder hier zu sein. Die Amerikaner würden überwiegend Offenheit und Kontaktwillen signalisieren, allerdings seien tiefere Beziehungen nicht möglich. Herzliche Grüße von Rita mit internationalen GEdanken...

Triestina schreibt:
Liebe Rita, vielen Dank für den Einblick in Deine Erfahrungen und Gedanken. An meine Zeit als "boche" kann ich mich noch gut erinnern, ich habe in den 80ern 1 Jahr in Paris studiert und gearbeitet. Sehr gerne erinnere mich an meine zwei Jahre in England. Es war mein erster Auslandsaufenthalt und wenn man als junger Mensch zum ersten Mal in einem anderen Land und dann auch noch in einer Stadt wie Londen ist, da findet man alles aufregend. Was ich an den Engländern liebe, ist ihre Einstellung "leben und leben lassen". Ich habe dort bis heute sehr schöne und intensive Freundschaften. Die USA kenne ich nur aus zwei Urlaubsreisen. Von Bekannten (auch von Engländern) habe ich ebenfalls gehört, dass die Amerikaner zwar gleich sehr überschwänglich reagieren, die Kontakte dann aber doch recht oberflächlich bleiben. Mittlerweile lebe ich seit vielen Jahren in Italien (erst in Mailand und jetzt in Triest)und ich fühle mich hier außerordentlich wohl. Triest ist ja sehr mitteleuropäisch geprägt und man spürt überall (nicht nur in den alten Kaffehäusern) einen Hauch der k.u.k.-Vergangenheit. Mein Mann kommt aus Rom und ich kann Dir nur beipflichten, je weiter man in den Süden fährt, desto herzlicher werden die Menschen. Man wird überall freundlich aufgenommen und gehört gleich dazu (amici eben). Im Gegensatz zu den Franzosen, die dich gnadenlos stehen lassen, wenn du kein Französisch sprichst, kennen die Italiener keine Sprachbarrieren, sie sind immer hilfsbereit und verständigen sich mit Gestik und Mimik. Meine Schwestern fahren jedes Jahr nach Italien in Urlaub (den ich freundlicherweise organisieren darf). Sei es auf dem Campingplatz oder in der Ferienwohnung, sie werden überall rührend umsorgt. Sie haben "bambini" und da schmilzt das Herz der Italiener. Im vergangenen Jahr hatte meine Schwester nachts auf der Autobahn eine Autopanne und der Wagen musste abgeschleppt werden. Der Werkstattbesitzer hat ihr SEIN Auto geliehen, damit sie an ihren Urlaubsort gelangen konnte, und hat dann das Auto meiner Schwester übers Wochenende repariert! Wegen meinen "typischen deutschen Eigenschaften" (seien es bestimmte Sichtweisen oder meine kulinarischen Vorlieben) werde ich von italienischen Freunden auch heute noch hier und da geneckt. Das geschieht aber nie bösartig, sondern immer auf eine scherzhafte und liebevolle Weise. Von den Italienern habe ich eine gewisse Gelassenheit und Improvisionsfähigkeit gelernt. Wenn man diese mit den "typischen deutschen Eigenschaften" paart, ergibt das - wie ich finde - eine großartige Mischung. Ich hoffe, dass sich noch andere Wiesenmitglieder mit ihren Erfahrungen (auch aus dem Urlaub) melden. In diesem Sinne ganz liebe Grüße Marianne

cucinaitaliana schreibt:
Ciao Marianne, hallo zusammen, eine größere Auslandserfahrung, so wie Du, habe ich nicht gehabt. Im letzten Satz hast Du aber den Urlaub angesprochen und meine diesbezüglichen Erfahrungen aus Italien kennst Du ja schon zum Teil. Möchte aber hier für alle anderen erwähnen, dass ich ich/wir seit ca. 20 Jahren jedes Jahr mit ein paar Unterbrechungen Urlaub in Italien machen. In diesen 20 Jahren haben wir nur sehr gute Erfahungen gemacht, wir wurden immer sehr herzlich aufgenommen, in den Hotels sehr gut betreut und über das Essen können wir uns bis heute nicht beklagen. Mur muss man dazu sagen, dass ich auch die italienische Mnetalität sehr mag und ich mich dann vor ort auch auf diese einstelle. Es sind dann gewisse Dinge nicht so wichtig. (wird auch unter dem Bett geputzt? *gins*) Hauptsache ich habe das Meer vor der Türe, lebenslustige Italiener natürlich auch -innen um mich herum, von denen ich mich gerne "anstecken" lasse, und das geliebte italienische Essen. Ich habe schon oft davon geträumt, dort zu leben, sogar schon ernsthaft darüber nachgedacht. Wenn wir nach dem urlaub unsere Heimreise antreten, ist das immer mit Tränen verbunden. Als junges Mädchen war ich mal eine Woche in Frankreich und ich muss sagen, die Herzlichkeit, die die Italiener haben, haben sie nicht. Ich glaube die mögen keine Ausländer, ich höre das auch oft von Austauschschülern. Im Mai fliegen wir das erste Mal nach Sardinien und freuen uns riesig, es wirwd bestimmt ganz anders sein, wie an der Adria. Herzliche Grüße nach Triest und herzliche Grüße an alle anderen Maria

Hannoveranerin schreibt:
Goeden avond, allemaal! Eben mal ganz kurz vorstellen: ich bin Marion, am 6.1.55 in Hannover geboren, da auch aufgewachsen, zur Schule gegangen usw. Eine Freundin hat mich damals aufgefordert, mit in's Krankenhaus in Kleve zu gehen (hab vergessen zu erzählen, daß ich Radiologie-MTA bin *schäm*)und das fand ich unheimlich spannend - soweit weg von zuhause, nur wir beiden Mädchen - natürlich hab ich das ohne weiteres Nachdenken getan. Abends ging ich da alleine aus, hab in einer Disco meinen heutigen Mann kennengelernt und innerhalb kürzester Zeit zog ich ins Ausland. Whouw, soviele neue Eindrücke, und dann die Sprache erst! Habt ihr schon mal holländisch gehört? Ich dachte zuerst, die müßten jeden abend Halsweh haben durch al die schrabenden Laute, grinnn. Es wurde ganz schnell deutlich, daß mein Mann nicht mit mir nach Hannover ziehen wollte, also blieb ich in NL. Das erste Jahr war wie ein langer Urlaub, meine schönste Zeit bisher. Was mich trotzdem unheimlich störte, war daß meine Ausbildung nicht anerkannt wurde. Vor allem wurde mir angekreidet, daß ich kein Holländisch sprach, darum hätte ich 5 Jahre lernen müssen (eine Mischung aus Realschule und Gymnasium) mit NL als Hauptfach. Damals konnte ich mal gerade guten Apetit wünschen, jemanden begrüßen und kannte ein paar säftige Flüche, das wurde also nix. Darum stürtzte ich mich privat darauf, die Sprache unter die Knie zu bekommen, das hat auch geklappt. Irgentwann schlich sich ganz heimlich, still und leise der Alltag und die Gewöhnung ein und fing das Heimweh an. Vor allem in der Adventszeit war es ganz schlimm, die Stippvisiten halfen da nicht echt, brachten aber Linderung für kurze Zeit. So empfand ich das damals. Vielleich stellte ich mich auch etwas an, denn eigentlich gibt es nicht echt gravierende Unterschiede in der Mentalität zwischen Deutschen und Holländern. Wie überall auf der Welt gibt es hier auch gute und schlechte Menschen. Ich denke im Nachhinein, daß ich eher das Großstadtleben vermißt habe, mein Mann wohnte in einem kleinen Dorf und wollte auch nichts anderes. Jetzt, nachdem ich mehr als der Hälfte meines Lebens hier gelebt habe, kann ich nicht anders sagen, als daß ich vollkommen integriert bin. All meine Freunde (eine Ausnahme dagelassen) sind Holländer, mit meiner eigenen Familie hab ich gar keinen Kontakt mehr. Von Ausländerfeindlichkeit gegenüber Deutschen hab ich persönlich nur ein einziges Mal etwas gemerkt, aber das waren 2 Jungs, die ziemlich angesäuselt waren. Bei meinem Sohn war es da leider anders: wir haben 10 Jahre in Enschede gewohnt, die Leute da sind viel engstirniger, als hier im Grenzbereich von Arnhem und Nijmegen. Seine Schulkameraden haben ihn gehänselt, daß er ein dicker, fetter Deutscher sei und noch viel mehr Häßlichkeiten über ihm ausgeschüttet. (Das Dicke war auch ein Verweis in meine Richtung) Ich war damals und bin noch heute der Meinung, daß es furchtbar schade ist, Kinderseelen mit soviel Gift und Haß ein zu impfen. Es unglaublich und unakzeptabel, sicher in der heutigen Zeit, ich war äußerst unangenehm überrascht. Jetzt wohnen wir schon wieder einige Jährchen in der Umgebung von Arnhem (Emmerich ist von hier noch keine 10 km entfernt) und von Feindlichkeiten ist nichts mehr zu bespüren, weder persönlich noch wegen meiner Herkunft. Mein Sohn hatte anfangs etwas Schwierigkeiten, sich an die anderen Lernmethoden zu gewöhnen, aber das waren nur Anlaufschwierigkeiten. Mit 16 hatte er einen bösen Unfall, er mußte ein paar Wochen in einen Rollstuhl, danach konnt er mit Krücken laufen. Was mich da vor allem berührte, waren seine Freunde. Die wichen nicht von seiner Seite, nicht im Krankenhaus und auch später nicht. Darüber machte ich mir anfangs natürlich Sorgen. Im Gegenteil: sie halfen ihm sogar mit Krücken in's Gokart und er holte sich seinen Record wieder zurück, er kam strahlend nach Hause. Nur gut, daß ich davon nicht wußte! Bis auf den heutigen Tag ist es eine geschworene Freundengruppe. Wenn ich die Unterschiede zwischen D und NL auf einen Punkt bringen sollte, fällt mir eigentlich nur Nikolaus und Weihnachten ein. Das "Sinterklaasfeest" (Nikolaus, also) wird hier ganz groß und mit Geschenken gefeiert, während ich nur einen Stiefel gewöhnt war, den wir vor die Zimmertüre stellten, in dem dann am 6. einige Kleinigkeiten lagen und etwas Knabberzeug. Dagegen besteht das traditionelle Christfest hier nur aus Baum-angucken und Kuchenessen. Wir als Familie hatten da unsere eigene Methode: wir feierten einfach beides mit schwerem Nachdruck auf Weihnachten! Übrigens setzt sich hier die "deutsche" Art jedes Jahr weiter durch, es gibt hier sogar mehr und mehr Weihnachtsmärkte, genauso kommerziell wie in D und trotzdem gemütlich. Herzliche Grüße an alle, aber besonders an Marianne, Maria und Rita. Marion


 
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